Anna's Geschichte Teil 1
- km19748
- 23. Sept. 2025
- 3 Min. Lesezeit
Aktualisiert: 25. Sept. 2025

Anna war 37 Jahre alt, und sie war müde.
Nicht das normale „zu wenig geschlafen“-müde, sondern eine Erschöpfung, die sich wie ein grauer Film über ihr ganzes Leben gelegt hatte.
Von außen sah niemand viel. Sie machte, was man eben so macht.
Sie brachte die Kinder in die Schule, arbeitete ihre Stunden im Büro ab, kaufte ein, kochte, kümmerte sich um Wäsche und Rechnungen.
Alles lief.
Nur sie selbst lief nicht mehr.
Jeden Morgen klingelte der Wecker um 6:30 Uhr. Und jeden Morgen drückte sie ihn mindestens dreimal weg.
Nicht, weil sie faul war, sondern weil ihr Körper einfach nicht mehr konnte.
Schon bevor der Tag begonnen hatte, fühlte er sich an wie eine Last.
Sie schlich ins Bad, sah sich im Spiegel an und erschrak jedes Mal ein Stück mehr.
Das Gesicht, das sie anstarrte, hatte müde Augen. Augenringe, blasse Haut.
Kein Strahlen mehr.
„Das bin doch nicht ich“, dachte sie, und schminkte die Müdigkeit notdürftig weg.
Der Alltagstrott
Die Fahrt zur Arbeit war für Anna reine Mechanik.
Sie stieg ins Auto, schaltete das Radio ein – und hörte eigentlich nichts.
Die Stimmen, die Musik, die Nachrichten rauschten vorbei, ohne sie zu erreichen.
Im Büro lächelte sie, wenn jemand einen Witz machte.
Aber es war ein müdes Lächeln, das nicht die Augen erreichte.
Sie schrieb E-Mails, erledigte Aufgaben, nickte in Meetings.
Von außen war sie die verlässliche Mitarbeiterin.
Von innen fühlte sie sich wie eine Hülle.
Mittags aß sie schnell etwas vom Bäcker, setzte sich kurz ins Auto, starrte auf ihr Handy.
Manchmal scrolle sie minutenlang, ohne auch nur zu wissen, was sie gesehen hatte.
Es war, als würde sie ihre Zeit mit Leere füllen, weil sie die Leere in sich nicht ertragen konnte.
Abends fuhr sie nach Hause.
Die Kinder erzählten von der Schule, ihr Mann von der Arbeit.
Sie hörte zu, nickte, sagte „Ja“ und „Ach so“.
Aber innerlich war sie weit weg.
Die Schuld
Am schlimmsten waren die Momente, in denen sie spürte, dass sie eigentlich glücklich sein müsste.
Ihre Kinder waren gesund. Sie hatte Arbeit. Sie hatte ein Zuhause.
Aber statt Dankbarkeit fühlte sie nur Leere.
Manchmal, wenn die Kinder lachten, merkte sie, dass sie nicht mitlachte.
Und dann kam die Schuld.
„Was stimmt nicht mit mir? Warum kann ich nicht einfach zufrieden sein?“
Es war ein Kreislauf:
Die Müdigkeit machte sie taub.
Die Taubheit machte sie schuldig.
Die Schuld machte sie noch müder.
Die Abende
Wenn endlich Ruhe einkehrte, war da keine Erholung.
Sie setzte sich auf die Couch, schaltete den Fernseher ein – nicht, um etwas zu schauen, sondern um das Schweigen zu übertönen.
Manchmal drehte sie den Ton sogar leiser, bis fast gar nichts mehr zu hören war.
Es war, als würde sie nur noch warten, bis der Tag endlich vorbei war.
Und in diesen stillen Minuten kam der Gedanke, den sie am liebsten verdrängt hätte:
„Wenn das alles ist – wie soll ich das noch die nächsten 30 Jahre schaffen?“
Die Versuche
Anna versuchte gegenzusteuern.
Sie meldete sich im Fitnessstudio an. Sie ging zweimal hin, dann nie wieder.
Sie kaufte Vitamine, die nach ein paar Tagen unberührt im Schrank standen.
Sie suchte nach Podcasts über Motivation und Lebensfreude – doch nach zehn Minuten schaltete sie ab. Alles klang so weit weg von ihrer Realität.
Sie hatte das Gefühl, dass jeder Tipp, jeder Rat nur eins bedeutete:
Noch mehr Druck. Noch eine Aufgabe. Noch ein „Du musst“.
Und sie konnte einfach nicht mehr „müssen“.
Der Punkt
Es gab Abende, an denen Anna im Bett lag, das Handy in der Hand, und dachte:
„Vielleicht bin ich einfach kaputt. Vielleicht ist das jetzt mein Leben: funktionieren, bis es irgendwann vorbei ist.“
Dann schob sie den Gedanken weg, stand am nächsten Morgen wieder auf, trank Kaffee, fuhr ins Büro.
Und machte weiter.
✨
Annas Geschichte ist keine Ausnahme.
Es ist die Geschichte von vielen – von zu vielen.
Von Menschen, die nach außen funktionieren und nach innen langsam verschwinden.


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